Im Mittelalter unterschieden sich Großstädte und Kleinstädte im Reich nicht nur durch ihre Einwohnerzahl, sondern durch nahezu alle Bereiche des täglichen Lebens. Für einfache Bürger – Handwerker, Tagelöhner, kleine Händler, Schiffer, Knechte, Dienstboten oder kleine Gewerbetreibende – bedeutete das Leben in einer großen Stadt wie Köln, Nürnberg, Augsburg, Straßburg, Lübeck oder Frankfurt etwas grundsätzlich anderes als in kleineren Städten wie Boppard, St. Goar, Wimpfen, Merklingen oder vielen anderen Landstädten.
Großstädte zählten um 1300 meist mehr als 10.000 Einwohner. Köln erreichte bereits im 13. Jahrhundert ungefähr 35.000 bis 40.000 Einwohner und war damit die größte Stadt im Reich. Nürnberg, Augsburg, Straßburg oder Frankfurt lagen deutlich darunter, gehörten aber ebenfalls zu den großen urbanen Zentren. Kleinstädte hatten dagegen häufig nur einige hundert oder wenige tausend Einwohner. Dadurch war das tägliche Leben in Großstädten wesentlich stärker ausdifferenziert. In Köln oder Augsburg lebten die Menschen in dicht bebauten Vierteln mit mehreren Märkten, zahlreichen Kirchen, Klöstern, Hospitälern, Werkstätten und spezialisierten Handwerksbezirken. In kleineren Städten blieb der Lebensraum überschaubarer; viele Einwohner kannten einen großen Teil der übrigen Bevölkerung persönlich.
In den Großstädten war das Handwerk stark spezialisiert. Es gab eigene Berufe für Bäcker, Fleischer, Schmiede, Gerber, Weber, Schuhmacher, Tuchscherer, Fassbinder, Schreiner, Goldschmiede oder Messerschmiede. Viele dieser Berufe waren in eigenen Zünften organisiert. Die Zünfte regelten Ausbildung, Arbeitszeiten, Preise, Qualität der Waren und häufig auch religiöse Pflichten. Wer keine Zunftzugehörigkeit besaß, konnte in vielen Städten kaum selbstständig arbeiten. In kleineren Städten war diese Spezialisierung geringer. Dort arbeitete ein Schmied oft zugleich als Wagenbauer, ein Schuster reparierte nebenbei Sättel, und viele Handwerker betrieben zusätzlich Landwirtschaft, Weinbau oder Viehzucht. Besonders in kleinen Rheinorten wie Boppard oder St. Goar gehörten Weinberge, Gärten oder Viehställe oft selbstverständlich zum Haushalt.
Auch die Wohnverhältnisse unterschieden sich deutlich. In Großstädten war Wohnraum knapp und teuer. Viele Häuser waren mehrgeschossig, schmal gebaut und dicht aneinander gedrängt. Auf engem Raum lebten oft mehrere Haushalte zusammen. In kleinen Städten wohnte meist nur eine Familie pro Haus. Häufig gehörten kleine Höfe, Ställe, Wirtschaftsgebäude oder Gärten dazu. Die Nähe zur Landwirtschaft blieb dort wesentlich größer als in den Metropolen.
Der Alltag der unteren Schichten war in Großstädten stärker vom Markt abhängig. Menschen kauften Brot, Bier, Fleisch, Holz, Schuhe oder Stoffe häufiger auf Märkten oder bei spezialisierten Handwerkern. In kleineren Städten und Landstädten versorgten sich viele Familien teilweise selbst. Sie hielten Hühner, Schweine oder Ziegen, bauten Gemüse an oder besaßen kleine Weinberge. In Orten am Rhein spielten Schifffahrt, Weinbau, Fischfang und Fuhrdienste eine große Rolle. Viele Bewohner verdienten zusätzlich Geld durch das Be- und Entladen von Schiffen oder durch die Versorgung von Reisenden.
Großstädte boten zugleich mehr Erwerbsmöglichkeiten. Wer arm war oder keine eigene Werkstatt besaß, konnte als Tagelöhner, Bauarbeiter, Knecht, Dienstmagd, Träger oder Schiffsarbeiter Arbeit finden. Gerade in Handelszentren wie Köln oder Frankfurt entstanden durch Märkte und Fernhandel zahlreiche Arbeitsplätze in Lagerhäusern, Herbergen, Hafenanlagen oder im Transportwesen. Gleichzeitig war das Risiko von Armut und sozialem Abstieg in den Großstädten höher. Dort lebten viele Menschen ohne Bürgerrecht, ohne festen Besitz oder ohne Zugehörigkeit zu einer Zunft. Bettler, Tagelöhner, Dirnen, fahrende Händler und andere Randgruppen waren in Großstädten deutlich sichtbarer als in kleinen Städten.
Das Bürgerrecht war in großen Städten meist schwerer zu erwerben als in kleinen Städten. Häufig mussten Neubürger Gebühren bezahlen, Besitz nachweisen oder eine längere Aufenthaltszeit vorweisen. In großen Städten lebten deshalb viele Menschen dauerhaft ohne volles Bürgerrecht und damit ohne politischen Einfluss oder Zugang zu bestimmten wirtschaftlichen Möglichkeiten. In kleinen Städten war der Zugang oft einfacher, weil die Einwohnerzahl geringer war und die Stadt auf neue Bewohner angewiesen blieb.
Auch die Rolle von Frauen unterschied sich zwischen Groß- und Kleinstädten. In großen Städten arbeiteten Frauen häufig im Textilgewerbe, als Verkäuferinnen, Wäscherinnen, Schankfrauen, Bäckerinnen oder in handwerklichen Hilfsarbeiten. Für Köln sind sogar einzelne Frauenzünfte belegt, etwa bei Goldstickerinnen. In Städten arbeiteten Frauen häufig gemeinsam mit ihren Männern in Werkstätten oder betrieben kleine Verkaufsstände. In kleineren Städten waren Frauen stärker in Haushalt, Landwirtschaft, Viehhaltung und Nebenerwerb eingebunden. Sie arbeiteten dort oft im Weinbau, in der Versorgung von Reisenden oder in der Verarbeitung landwirtschaftlicher Produkte.
Großstädte zogen mehr Fremde an als Kleinstädte. Händler, Pilger, Studenten, Geistliche, Gesellen und Arbeitssuchende kamen ständig neu in die Stadt. Dadurch waren die Bewohner großer Städte häufiger mit fremden Dialekten, anderen Waren, neuen Arbeitsmethoden und unbekannten Personen konfrontiert. In kleinen Städten blieb die Bevölkerung wesentlich ortsgebundener. Dort war soziale Kontrolle stärker: Wer gegen Regeln verstieß, Schulden machte oder sich auffällig verhielt, war schnell im gesamten Ort bekannt.
Die hygienischen Verhältnisse waren in großen Städten nicht grundsätzlich schlechter als in kleinen Städten, sondern vor allem anders organisiert. Zwar lebten in Großstädten deutlich mehr Menschen, Tiere, Werkstätten und Abfälle auf engem Raum zusammen, doch verfügten gerade große Städte häufig über umfangreichere Regelungen zur Reinhaltung von Straßen, Märkten, Brunnen und Abwassergräben. Für Köln, Frankfurt, Augsburg oder Nürnberg sind zahlreiche städtische Verordnungen belegt, die das Ablagern von Müll, das Ausgießen von Abwasser, die Haltung von Schweinen auf Straßen oder die Reinigung vor den Häusern regelten. In Köln mussten Bürger bestimmte Straßenabschnitte vor ihren Häusern sauber halten; in anderen Städten überwachten Ratsdiener oder eigens eingesetzte Amtsträger die Einhaltung solcher Vorschriften. Dennoch blieben hygienische Probleme bestehen, da die dichte Bebauung, enge Gassen, Viehhaltung innerhalb der Stadtmauern und die Nähe von Wohnhäusern und Werkstätten die Entstehung von Schmutz, Gerüchen und verunreinigtem Wasser begünstigten. In kleineren Städten bestanden ähnliche Probleme, jedoch meist in geringerem Ausmaß, weil die Bebauung lockerer war und mehr offene Flächen, Gärten und Wirtschaftsbereiche zur Verfügung standen.
Ähnlich verhielt es sich mit der Brandgefahr. Da Häuser in Großstädten dicht nebeneinander standen und häufig aus Holz bestanden, konnten Brände ganze Straßenzüge oder Viertel zerstören. In kleineren Städten blieb die Ausbreitung oft begrenzter, weil die Bebauung lockerer war.
Auch Gewalt und Kriminalität unterschieden sich. In Großstädten gab es mehr Wirtshäuser, mehr Fremde, mehr Nachtleben und mehr soziale Spannungen. Diebstahl, Betrug, Schlägereien oder Gewalttaten waren deshalb häufiger dokumentiert als in kleinen Städten. In Kleinstädten verhinderte die engere soziale Kontrolle viele Konflikte nicht vollständig, machte sie aber schneller sichtbar.
Gerichtsbarkeit und Strafwesen waren in Großstädten stärker ausgebaut. Dort bestanden Ratsgerichte, Niedergerichte, Gefängnisse, Türme und öffentliche Orte für Strafen und Hinrichtungen. Öffentliche Strafen wie Pranger, Schandsteine oder Verbannungen waren in großen Städten häufiger sichtbar. In kleinen Städten blieb die Rechtsprechung einfacher organisiert und hing oft stärker vom Stadtherrn oder regionalen Gericht ab.
Auch das Leben in der Nacht unterschied sich. In Großstädten wurden Stadttore zu bestimmten Zeiten geschlossen, Nachtwachen gingen durch die Straßen, und Ratsverordnungen regelten, wann Wirtshäuser schließen mussten oder wie sich Menschen nachts verhalten sollten. In kleinen Städten war das Nachtleben wesentlich begrenzter. Wegen der geringeren Größe des Ortes und der stärkeren sozialen Kontrolle spielten sich nächtliche Aktivitäten meist nur in wenigen Gasthäusern oder im unmittelbaren Wohnumfeld ab.
Die Lebenshaltungskosten waren in Großstädten meist höher. Wohnraum, Feuerholz, Fleisch oder importierte Waren kosteten dort häufig mehr als in kleineren Städten. Gleichzeitig war das Warenangebot größer. Auf den Märkten großer Städte konnten auch einfache Bewohner Fisch aus Nord- und Ostsee, Salz, Wein, Gewürze oder Stoffe erwerben. In kleineren Städten war die Auswahl geringer, dafür war die Selbstversorgung stärker ausgeprägt.
Großstädte waren zudem stärker vom Fernhandel und von Getreidelieferungen aus dem Umland abhängig. Bei Missernten, Überschwemmungen, Kriegen oder unterbrochenen Handelswegen konnten große Städte schneller Versorgungsprobleme bekommen. Kleinstädte blieben zwar ebenfalls von Krisen betroffen, waren aber oft enger mit ihrem direkten Umland verbunden und konnten sich teilweise leichter aus regionalen Ressourcen versorgen.
Auch das Verhältnis zum Umland war unterschiedlich. Kleine Städte standen oft in engem Austausch mit den umliegenden Dörfern und Bauern. Märkte, Abgaben, Viehhandel und persönliche Beziehungen verbanden Stadt und Land eng miteinander. Großstädte bezogen ebenfalls Lebensmittel und Rohstoffe aus ihrem Umland, doch war die soziale Distanz zwischen Stadtbewohnern und Landbevölkerung meist größer.
Militärische Pflichten spielten in Großstädten ebenfalls eine größere Rolle. Bürger mussten häufig Wachdienst leisten, Waffen bereithalten oder an der Verteidigung der Stadtmauern mitwirken. Große Städte verfügten meist über stärkere Befestigungen, mehrere Mauerringe, Türme und größere Bürgermilizen. In kleinen Städten waren die Befestigungen einfacher, und auch die Verteidigung beruhte oft auf kleineren Gruppen von Bürgern.
Auch Kinder und Jugendliche erlebten den Alltag unterschiedlich. In Großstädten wurden Kinder häufig früh in Handwerk, Handel oder Dienstverhältnisse eingebunden. Jungen kamen als Lehrlinge in Werkstätten, Mädchen arbeiteten im Haushalt, in Verkaufsständen oder als Dienstbotinnen. In kleineren Städten halfen Kinder stärker in Landwirtschaft, Viehhaltung, Weinbau oder Haushalt mit.
Alte Menschen waren in Großstädten häufiger auf Hospitäler, Beginenhäuser, Armenstiftungen oder kirchliche Einrichtungen angewiesen. In kleineren Städten blieb ihre Versorgung stärker Aufgabe der Familie und Nachbarschaft.
Auch die Mobilität innerhalb der Stadt war unterschiedlich. In Großstädten lagen Wohnorte, Märkte, Kirchen, Werkstätten und Stadttore oft weit auseinander. Viele Menschen mussten längere Wege zu Fuß zurücklegen. In kleinen Städten konnten die meisten Orte innerhalb weniger Minuten erreicht werden.
Die Geräuschkulisse und die Gerüche unterschieden sich ebenfalls deutlich. In Großstädten prägten Glocken, Marktrufe, Wagenverkehr, Tiere, Schmiedehämmer, Werkstätten, Menschenmengen und enge Straßen den Alltag. Gerüche von Vieh, Abfällen, Rauch, Gerbereien oder offenen Abwassergräben waren allgegenwärtig. In kleinen Städten war der Alltag meist ruhiger und weniger dicht.
Auch Bildung und Schriftlichkeit waren in Großstädten stärker entwickelt. Dort gab es mehr Schulen, Klöster, Schreibstuben, Notare und Möglichkeiten, lesen und schreiben zu lernen. Kaufleute, Handwerker und Ratsmitglieder benötigten häufiger schriftliche Verträge, Rechnungen oder Urkunden. In kleinen Städten blieb Schriftlichkeit im Alltag geringer und beschränkte sich oft auf Geistliche, Schreiber oder einzelne Amtsträger.
Kleidung und Konsum unterschieden sich ebenfalls. In Großstädten waren Unterschiede zwischen armen Menschen, Handwerkern, Kaufleuten oder Ratsfamilien deutlicher sichtbar. Stoffe, Farben, Pelze, Gürtel, Schuhe und Schmuck konnten je nach sozialem Stand stark variieren. In kleinen Städten blieb Kleidung meist einfacher und regionaler geprägt.
Schließlich unterschieden sich Groß- und Kleinstädte auch in der Freizeitgestaltung. Große Städte boten mehr Märkte, Jahrmärkte, Prozessionen, Schauspiele, Feste, Turniere und Wirtshäuser. In kleinen Städten waren solche Ereignisse seltener und stärker an den Kirchenkalender oder einzelne Markttage gebunden. Gleichzeitig war der Jahresrhythmus in Kleinstädten stärker von Ernte, Weinlese, Viehhaltung und den Jahreszeiten bestimmt. In Großstädten prägten zusätzlich Märkte, Fernhandel, Zunfttermine und kirchliche Feste den Ablauf des Jahres. Politisch bestand in Großstädten oft eine größere Distanz zwischen Ratsherren und einfachen Einwohnern. In kleinen Städten konnten Ratsherren unmittelbarer Teil der lokalen Nachbarschaft sein.
- LITERATUR -
Eberhard Isenmann, Die deutsche Stadt im Mittelalter 1150–1550, Köln 2014.
Evamaria Engel, Die deutsche Stadt des Mittelalters, München 1993.
Klaus Schreiner, Stadt und Öffentlichkeit im Mittelalter, München 1994.
Gerhard Fouquet, Das Fest in der Stadt. Alltag, Kultur und städtische Öffentlichkeit im späten Mittelalter, Köln 2008.
Bernd Roeck, Lebenswelt und Kultur des Bürgertums in der frühen Neuzeit, München 1993.
Edith Ennen, Die europäische Stadt des Mittelalters, Göttingen 1972.
Fernand Braudel, Sozialgeschichte des 15.–18. Jahrhunderts, Band 1: Der Alltag, München 1985
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